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30. März 1912 Nachruf Jacques Gassmann

Jacques Gassmann verstirbt am 12. März 1912. Am 30 März erscheint in der Zürcher Wochen-Chronik ein Nachruf auf ihn.

† Jacques Gassmann

 Jacques Gassmann wurde am 31. Oktober 1854 als dritter Sohn von Andreas Gassmann und Anna Barbara geb. Schmid geboren. Sein Elternhaus in dem kleinen Orte Boppelsen am Fusse der Lägern war erfüllt von einem graden, einfachen Sinn und nie rastender Arbeitsfreudigkeit. In ihrem Vater sahen die fünf Knaben das Vorbild eines fleissigen, tüchtigen Mannes, dessen Lebensernst sich früh in die jungen Gemüter verpflanzte. Mit ganzer Herzlichkeit hing der Verstorbene an seine Mutter, die es so gut verstand, kleine Freuden in das bescheidene Kinderleben einzufügen. Neben der Schule, die der Knabe mit grossem Eifer besuchte, war jede Minute mit Arbeiten ausgefüllt, wie sie das Bauerngewerbe täglich mit sich bringt. Dadurch wurde in Jacques Gassmann die Gründlichkeit und zähe Ausdauer gebildet, die seine Lebensarbeit begleitete und ich so manches Hindernis überwinden liess. Unter der Leitung eines tüchtigen Lehrers, dem er zeitlebens grosse Dankbarkeit bewahrte, lernte er in der Sekundarschule in Otelfingen mit eisernem Fleisse weiter. Trotz alle Anhänglichkeit an seine stille Heimat erwachte in der jungen Seele der Zug nach der Stadt.Die Eltern kamen seinem Wunsche entgegen und am 23. April 1870 verliess der Jüngling sein Vaterhaus, um als Lehrling in die Firma Leopold Weil in Stadelhofen einzutreten. Dem graden, kernigen Sinn, die hohe Auffassung von Pflicht und Arbeit nahm er als kostbare Güter ins Leben hinaus mit. Er errang sich die volle Zufriedenheit seines Chefs, in dessen Dienst er auch nach absolvierter Lehre verblieb. Kleinere und grössere Geschäftsreisen erweiterten den Gesichtskreis des jungen Mannes; er kam ins Ausland nach Norden und Süden. Sein grosser Lebensernst fand eine glückliche Ergänzung in seiner Gattin Wilhelmina Mulfinger von Zürich, mit der er im Jahre 1876 den eigenen Hausstand gründete.

Sein eheliches Glück wurde noch verschönt durch die Geburt eies Sohes und zweier Töchter. – Im Jahre 1882 gründete Jacques Gassmann mit seinem Kollegen Wilhelm Mann die Firma „Gassmann, Mann u. Cie.“. Nun erst kam die ganze eiserne Ausdauer, Intelligez und Umsicht zu ihrer vollen Tätigkeit, und siegreich wurden die Schwierigkeiten überwunde. Die Arbeitskraft schien sich mit den Pflichten zu verdoppeln; als ein Beispiel rastlosen Fleisses stand der junge Chef an der Spitze seines Unternehmens. Im Jahre 1884 eröffnete er im Hause Poststrasse 7 das Detailgeschäft, das unter der Leitung seiner Gattin stand. Im Ausland holte er sich oft neue Anregungen. Mit grossem Interesse beobachtete er das Leben und Schaffen in der deutschen Hauptstadt Berlin. Mit Freude erfüllte es ihn, als einer der ersten die Fabrikation seiner Artikel in der Heimat einzuführen und dadurch für viele Frauen und Töchter einen neuen Erwerbszweig zu eröffnen. Ein paar Ferienwochen in der Bergwelt halfen ihm jeweilen die Kräfte wieder stärken und in fröhlicher Gesellschaft die Unannehmlichkeiten des Berufslebens zu vergessen. Eine vergrösserte Arbeitslast erwuchs ihm durch den Rücktritt seines Associé, der eines unheilbaren Leidens halber seine Tätigkeit aufgeben musste. Die Firma, seither unter „Jacquews Gassmann“, breitete sich mehr und mehr aus; anschliessend an den Kauf des Hauses Zentralhof 7 fand die Umbaute des Detailgeschäftes statt. Im Februar 1897 entriss ihm das Schicksal die Gattin. Schwer litt der starke Charakter unter dem herben Schlag, galt doch seine treueste Fürsorge seiner Familie. Schmerzlich vermisste er die tapfere Mitarbeiterin, die den Erfolg grösser und die Sorgen kleiner zu machen verstand. Stütze und Hilfe fand er an seinen erwachsenen Kindern. Das Engrosgeschäft wurde 1898 in den Neubau Tödistrasse 49 verlegt. Ein neues Aufblühen war dem Familienkreise beschieden. Im März 1900 fand Jacques Gassmann an Ida Emilie Kleb von St. Gallen eine zweite Lebensgefährtin, das Heim die sorgende Frauenseele, die Firma eine verständnisvolle Mitarbeiterin. Auch diesem Ehebunde entspross ein Sohn, dessen Heranwachsten der Verstorbene so gerne noch weiter verfolgt hätte.

Als Chef legte er einen strengen Massstab an die Leistungen seiner Untergebenen, verlangte aber von sich selbst äusserste Konzentration für seine Arbeit. Auf seinen Reisen ins Ausland hatte es für alle Eindrücke ein offenes Auge und vertiefte sich gerne ein Stündchen in fremdes Volk, in fremde Kunst. Im Frühjahr 1902 eröffnete er ein Zweiggeschäft in Luzern; seine Arbeitskraft schien sich mit den wachsenden Pflichten zu verdoppeln.

Mit herzlicher Freude sah er den Sohn den eigenen Herd gründen, die Tochter ihrem Gatten folgen und im Laufe der Jahre fünf Enkelkinder heranblühen. Sein Lebensinhalt war Arbeit und Familie. Im Frühjahr 1907 feierte die Firma das 25jährige Jubiläum und voll Dankbarkeit schaute ihr Chef die Jahre zurück, die Jahre des Schaffens und Gelingens. Er sah zu gleicher Zeit seinen Herzenswunsch verwirklicht, ein eigenes, schmuckes Heim nahm seine Familie auf an der sonnigen Halde des Zürichberges. Er sollte es nicht lange geniessen dürfen! Im Sommer 1909 kamen leise Mahner und rüttelten an der sonst so kräftigen Gesundheit. Voll Energie kämpfte er gegen steigendes Unbehagen und verfolgte die Umbaute des Hauses Centralhof 7 bis zur Vollendung. Zum ersten mal brachten die Ferienwochen im Engadin keinen Erfolg, eine Operation wurde unvermeidlich. Wohl wachte die Hoffnung wider auf; aber die Sorge um das teure Leben hatte Einzug gehalten im Hause und verliess es nicht mehr. Wohl wachte hingebendste Pflege; auch ein Aufenthalt in Wildungen wurde versucht; aber eine Hoffnung um die andere sank, das Schicksal schritt unerbittlich weiter. Im Okt. vergangen Jahres hatte er sein Lebenswerk in die Hände seines Sohnes gelegt, Glückwünschend zur Weiterführung und doch bitter leidend, seiner Tätigkeit so früh schon entsagen zu müssen.

Im öffentlichen Leben trat er nicht hervor, interessierte sich aber lebhaft für politische und volkswirtschaftliche Fragen und hing mit herzlicher Begeisterung an seinem Heimatland. Der Kirchenpflege Fraumünster gehörte er mehrere Jahre als Mitglied und als Präsident an und widmete ihr seine treuen Dienste.

Mit der ganzen Tapferkeit seine Natur grüsste er das neue Jahr, das ihm schwere Leidenswochen brachte. Von treuester Liebe umgeben, ging er am 19. März ¼ 6 Uhr morgens zur ewigen Ruhe ein. Zu früh den Jahren nach und doch war sein Lebenslauf reich ausgefüllt!

Du standst im Leben drin, im lauten, vollen,
Dein Tag war Denken, Schaffen, Wollen,
Unmöglich schien Dir nichts, war schwer der Weg,
Dein Sinn fand immer Rat, Dein Fuss den Steg! –
Es ruht die Hand‘, das Tagwerk schweigt!
Und Stund um Stund sich leis dir Fackel neigt,
Nach langen Nächten, bangen Wintertagen,
Warst Du zu müd‘ das Blühen zu ertragen,
Gebrochen sank ein starker Lebenswille –

  • Und eine Seele floh zur grossen Stille! –
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